Regenwasserertrag: Dachfläche und Abflussbeiwert erklärt
Wie projizierte Dachfläche, Jahresniederschlag, Abflussbeiwert je Dachart und Filterverlust zusammen den nutzbaren Regenwasserertrag ergeben.
Zwei Häuser mit ähnlich aussehenden Satteldächern liefern beim Regenwasserertrag mitunter deutlich unterschiedliche Zahlen - nicht weil eines mehr Fläche hat, sondern weil Dachart und angesetzte Fläche unterschiedlich in die Rechnung eingehen. Der Regenwasserertrags-Rechner macht daraus in Sekunden eine Jahreszahl; dieser Ratgeber erklärt, welche vier Größen dafür zusammenspielen und wo die typischen Denkfehler liegen.
Die Formel in Worten
Der Ertrag ergibt sich aus Dachfläche mal Jahresniederschlag mal Abflussbeiwert mal Filterwirkungsgrad. Die ersten beiden Größen sind reine Mengenangaben, die letzten beiden sind Verlustfaktoren zwischen null und eins: Sie sagen, wie viel von der theoretisch möglichen Wassermenge tatsächlich ankommt. Ein Millimeter Niederschlag auf einem Quadratmeter Fläche entspricht exakt einem Liter - deshalb genügt eine einzige Multiplikation, keine komplizierte Umrechnungskette.
Welche Dachfläche zählt - und warum das nicht selbstverständlich ist
Für den Regenwasserertrag zählt die projizierte Grundfläche des Dachs: die Fläche, die du siehst, wenn du senkrecht von oben auf das Haus schaust. Bei einem Flachdach ist das dieselbe Zahl wie die tatsächliche Dachfläche. Bei einem geneigten Dach ist sie kleiner als die geneigte, tatsächliche Fläche - bei einem 45-Grad-Dach macht die geneigte Fläche rein geometrisch rund 41 % mehr aus als die projizierte. Das folgt daraus, dass Regen senkrecht fällt: Für die Regenmenge zählt die Fläche, die er von oben trifft, nicht die Fläche des geneigten Blechs oder der Ziegel selbst.
Genau umgekehrt rechnet die Solarplanung: Auf dem SolarCalc-Rechner für die Modulbelegung zählt die geneigte Fläche, weil dort die tatsächliche Blechfläche für die Modulanzahl entscheidend ist. Wer dieselbe Maßzahl in beide Rechner einträgt, bekommt deshalb zwei nicht vergleichbare Ergebnisse - kein Fehler in einem der beiden Rechner, sondern zwei unterschiedliche physikalische Fragen an dasselbe Dach.
Der Abflussbeiwert: warum Gründächer nicht alle gleich rechnen
Der Abflussbeiwert beschreibt, welcher Anteil des Niederschlags eine Dachfläche tatsächlich verlässt statt zu versickern, zu verdunsten oder im Substrat hängen zu bleiben. Harte, glatte Flächen lassen fast alles abfließen: Ziegel, Betondachstein und unbekieste Flachdachbahnen setzen praxisüblich 0,80 an, ein bekiestes Flachdach wegen der zusätzlichen Speicherwirkung des Kieses 0,60.
Bei begrünten Dächern kehrt sich die Logik in eine Richtung um, die auf den ersten Blick kontraintuitiv wirkt: Ein extensives Gründach mit dünner Substratschicht lässt mit 0,50 mehr Wasser abfließen als ein intensives Gründach mit 0,30 - obwohl “intensiv” nach mehr klingt. Der Grund ist die Substratdicke: Intensivbegrünung trägt eine deutlich dickere, wasserspeichernde Schicht und hält deshalb mehr vom Niederschlag zurück. Wer die beiden Werte vertauscht, überschätzt den Ertrag eines Intensivgründachs um mehr als die Hälfte.
Für Metalldächer - Zink, Kupfer, Aluminium, Stahl - gibt es keinen eigens belegten Abflussbeiwert. Der Rechner setzt deshalb konservativ den Hartdach-Wert an, weist aber zusätzlich darauf hin, dass Regenwasser von Metalldächern häufig mit Schwermetallen belastet ist und eine normale Filterung dafür nicht ausreicht - ein Punkt, den reine Ertragsrechner ohne diesen Hinweis leicht unterschlagen.
Woher der Jahresniederschlag kommt
Der Rechner schlägt keinen Ortswert automatisch nach, sondern erwartet ihn als Eingabe. Das ist eine bewusste Entscheidung, keine Lücke: Eine bundesweite Rastertabelle mit rund 360.000 Zellen ließe sich nicht sinnvoll in eine statische Website einbauen, und die Bezugszeiträume des Deutschen Wetterdiensts werden ohnehin regelmäßig fortgeschrieben. Den aktuellen Wert für deinen Ort findest du kostenlos im DWD-Klimaatlas (dwd.de/klimaatlas); die deutschlandweite Spanne bewegt sich grob zwischen 500 und 1.200 mm im Jahr, mit deutlich höheren Werten in Alpenrandlagen. Der vorbelegte Rechenwert von 800 mm ist bewusst ein Demonstrationswert in dieser Größenordnung, kein amtlicher Mittelwert für Deutschland.
Was der Filterwirkungsgrad tatsächlich bedeutet
Trotz des Namens ist der Filterwirkungsgrad keine Aussage über die Wasserreinheit. Er beschreibt eine reine Mengenbilanz: Ein Wert von 0,90 heißt, dass zehn Prozent des Bruttoertrags über Filterverwurf und gelegentlichen Speicherüberlauf verloren gehen - unabhängig davon, wie sauber das ankommende Wasser ist. Produktspezifische Filtersysteme erreichen laut Herstellerangaben bis zu 0,98; als Standardannahme ohne Spezialfilter gilt in der Fachliteratur eher 0,90.
Grenzen der Rechnung
Die Kennwerte dieses Rechners - die Abflussbeiwerte je Dachart, der Filterwirkungsgrad - stammen aus frei zugänglicher Fachliteratur zur Regenwassernutzung, nicht aus dem kostenpflichtigen Normtext. Mehrere gebräuchliche Quellen berufen sich dabei ausdrücklich auf DIN 1989 Teil 1 - eine Fassung, die seit Juli 2022 durch DIN 1989-100:2022-07 ersetzt wurde. Die Werte gelten in der Praxis weiterhin, sind hier aber bewusst als Richtwert der Fachliteratur bezeichnet, nicht als “Wert nach DIN 1989-100”. Verwechsle den Abflussbeiwert außerdem nicht mit dem Spitzenabflussbeiwert aus der Entwässerungsplanung (DIN 1986-100): Der rechnet mit Werten nahe 1,0 für den Starkregenfall, bei dem die Dachfläche schon durchnässt ist und praktisch nichts mehr verdunstet - für den Jahresertrag wäre dieser Wert deutlich zu hoch angesetzt.
Der Jahresniederschlag ist ein langjähriger Mittelwert; einzelne Jahre weichen davon spürbar ab, und lokale Effekte durch Bebauung oder Geländeform bildet auch der feinste DWD-Raster nicht vollständig ab. Der berechnete Ertrag ist deshalb eine Planungsgröße für eine durchschnittliche Saison, keine Garantie für ein bestimmtes Jahr.
Weiterrechnen
Der Ertrag beantwortet nur die halbe Frage einer Zisternenauslegung: Wie viel Wasser ein Haushalt tatsächlich braucht, ermittelt der Brauchwasserbedarfs-Rechner, und erst aus Ertrag und Bedarf zusammen ergibt sich die passende Zisternengröße samt Deckungsanteil.